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Eröffnungsrede Flügelputzen

Liebe Saskia, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst

Heute wird meine Rede etwas historischer als meine vorangegangenen, denn Saskia Niehaus befindet sich in ihrem fünzigsten Jahr und zu diesem Anlass zeigt sie hier eine ihrer fulminanten Ausstellungen. Von Mid Career Schau wird im Kunstkontext gesprochen, sie tituliert ihre Ausstellung „Flügelputzen“. Das bedeutet dass wir einige historische Werke, wie drei Zeichnungen aus dem Jahr 1994 zeigen, aus Studienzeiten der Künstlerin und auch sonst einige kleine Zeichnungen aus den 2000er Jahren. Im Mittelpunkt stehen großformatige Zeichnungen, die bis zu diesem Jahr von Saskia Niehaus geschaffen wurden.

Über Historie zu sprechen resultiert auch aus dem besonderen Ort, an dem diese Ausstellung stattfindet. Hier im Atelierhaus Alteburger Wall lebt und arbeitet die Künstlerin seit über 16 Jahren. Viele Verwandlungen der Ausstellungshalle hat sie miterlebt. Sie hat zahlreiche Installationen von Künstlerinnen und Künstlern wahrgenommen und kuratiert, die sich dem Raum gestellt und ihn verändert haben. Und viele der Arbeiten hier präsentierten Arbeiten sind im angrenzenden Atelier entstanden, das auch besucht werden kann. So kommen die Besuchenden bei dieser Ausstellung in den Lebensraum der Künstlerin und in den Genuss einer Ausstellung der Werke und gleichzeitig auch noch in das Zentrum ihrer Produktion. Das war auch für Saskia selbst eine besondere Herausforderung. Die Kunstwerke führen wie immer ihr Eigenleben. Sie wirken in den Betrachtenden und auch in der Erschaffenden immer weiter, schlagen Wurzeln und hinterfragen sie. Natürlich lebt sie immer mit ihrer Kunst doch hier verlassen die Werke den geschützten Raum und setzen sich dieser funktionalen, offenen Hallenarchitektur aus.

Nicht alle der hier gezeigten Arbeiten sind im angrenzenden Atelier entstanden. Saskia Niehaus hat diverse Stipendien erhalten. Mehrmals konnte sie sich in Italien aufhalten, 2017 war sie Artist in Residence in der Villa Cipriani in Italien. Und so sind hier auch einige Arbeiten zu sehen, die in Italien erschaffen wurden. Die direkt in die Natur verweisen und plein air vor Ort entstanden sind.

Ein weiterer historischer Aspekt steckt in der Beziehung der Künstlerin zur Kuratorin, Saskia und ich kennen uns schon seit 1997 und immer wieder durfte ich bei Ausstellungen mitwirken und mit – Reden. Das war immer sehr anregend und aufregend für mich. Der kunsthistorische Blick auf das Werk der Künstlerin hat dabei mit der Evolution des Werkes an Tiefe gewonnen. Das macht auch die heutige Ausstellung- und Ausstellungseröffnung aus.

Diese Schau tituliert Saskia Niehaus mit „Flügelputzen“. Hier können wir einen Moment des Innehaltens erkennen. Ein Rückblick auf Gewesenes, um auf Zukünftiges gerichtet zu sein. Um wieder Fliegen zu können. Um dieses Motiv des Fliegens, oder der Flügel, geht es in vielen von Saskia Niehaus` Arbeiten. Und es sind nicht nur Vogelwesen, die sich in die Luft schwingen. Auch Pferde und andere Tierwesen können mit Flügeln versehen werden, oder auf dem Blatt in einem Schwebezustand festgehalten sein. Auch die Menschenwesen befinden sich in einer Art Schwebezustand. Das Moment des Übergangs wird immer wieder thematisiert. Damit trifft Saskia Niehaus ein Thema der Kunst- und Menschheitsgeschichte. Und das auf mehr als einer Ebene. Das Motiv der Transformation auf eine höhere Ebene, Kunst als eine Art Bote auf dem Wege in eine übergeordnete Realität. Ob wir diesen nun folgen wollen oder nicht, bleibt uns überlassen. Mit einem Boten können wir natürlich im religiösen Sinne den beschützenden Engel assoziieren, oder die

mythologische Gestalt des Hermes. Dieser überbringt mit seinen Schwingen die Nachricht der Götter.

Doch ganz so idyllisch geht es in den Arbeiten von Saskia Niehaus nicht zu und auch die angesprochenen göttlichen Wesen zeugen von einer solchen Ambivalenz. Denn Hermes vermittelt auch den Zorn der Götter. Neben dem Moment des Schützens ist der der Zerstörung und Verletzlichkeit ersichtlich. Die Wesen entführen uns nicht nur auf sanften Schwingen, sondern sie fordern uns, zerren uns womöglich auch weg von unserer Sichtweise auf die Dinge. In ihrer Verletzlichkeit können sie sowohl eine latente, als auch offensive Aggressivität aufweisen. Kunst bleibt für Saskia Niehaus immer ein Referenzpunkt des eigenen Kosmos, der in einer Menschheitsgeschichte von Mythologie und übermenschlichen Geschichten münden kann, aber auch ganz ohne diese auskommt. Der stierköpfige Minotaurus, die geflügelten Harpyien und andere Mischwesen stellen die Verunsicherung des Umherwandernden dar, der in diesen Wesen auch immer Schutz und Hoffnung finden kann. Weiss er sie richtig zu behandeln mit Respekt und der Sicht auf seine gleichberechtigte Andersartigkeit, werden sie eins mit ihm und sein Schicksal wendet sich. In der Kunst von Saskia Niehaus können wir dem geflügelten und den anderen Wesen aus Tier und Mensch folgen, vielleicht auch die Kontrolle verlieren wie Ikarus, der Sohn des Daidalos, wobei die Sehnsucht nach einer anderen Realität bleibt. Sie fußt auf unserer Wahrnehmungswelt und braucht eigentlich nicht allzu viel göttliche Präsenz. Im Kreatürlichen erscheint uns das Übersinnliche und Schöne, wie auch das Gepeinigte und Verletzliche.

Sind es Tiere die in dieser Schau von Saskia Niehaus dargestellt sind? Natürlich, würde jeder Besuchende der Ausstellung sagen, der einen ersten Blick darauf wirft. Welche Frage. Doch es geht immer weit über eine Kategorisierung Mensch Natur hinaus und die Wesen verbleiben in einer ewigen Metamorphose. So können wir Wesen wahrnehmen die zwischen sogenannter menschlicher und tierischer Zuordnung stehen. Diese Wesen begleiten uns seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte. Immer wieder sind es transzendentale Wesen, die sich in ein Bild des Jenseitigen einfügen. Dabei ist dieses Jenseitige nicht gleichzusetzen mit Tod, sondern mit der Verwandlung der Materie in Energie und auch mit unserem Alter Ego, das sich darin spiegeln kann. Manche dieser Figuren haben hier schon Erwähnung gefunden. Man könnte in die anthropomorphen Welten der Steinzeit zurückgehen, oder zum Anubis-Mythos der Ägypter. Überall ist auch die Transgression zum Jenseitigen ein Thema. Und hier sind es wieder die Engel, die an Gräbern wachen, oder eben Anubis, der die Menschen überführt. Nichts von der ästhetischen Gestaltung dieser Wesen ist den Arbeiten von Saskia Niehaus inhärent, doch die Thematik können wir finden und erkennen. Triumphierend wie Nike die Siegesgöttin können sie daher kommen, dabei ist immer die Vergänglichkeit und Veränderbarkeit des Lebens ein Thema. Der Phoenix steigt aus seiner Asche, doch die Asche begleitet ihn auf seinem bunten Flug in die Weiten.

In der Ausstellung von Saskia Niehaus dominieren die Papierarbeiten. Das Papier das ihre Leidenschaft darstellt, das sie wie ein Feld bearbeitet aber auch freigibt, das sie verteidigt und angreift, modelliert und zerstört, überhöht und zerreißt. In ihrem zeichnerischen Werk arbeitet sie mit Kreide, Bleistift, Kohle, Gouache, Aquarell und Tusche. In ihren frühen Arbeiten sind es vor allem die Setzungen im Bildraum, die ihren Wesen ein leichtes, ephemeres Dasein verleihen. Eine dieser Arbeiten hat ihren Weg aus den privaten Räumen der Künstlerin in diese Ausstellung geschafft. In den großen Papierarbeiten, die wir hier in der Ausstellung sehen, können wir durchaus eine starke malerische Komponente ausmachen. Die Farbe umschließt die Wesen, gibt sie gleichzeitig jedoch auch frei. In den skulpturalen Arbeiten vor Ort umfasst sie das Papier mit textilen Elementen, überzieht sie mit Wachs oder setzt teils kräftige teils leise Farbtöne. Wachs, mit dem sie ihre Skulpturen überzieht, führt uns als Stofflichkeit hin zu frühen Mumifizierungen in Ägypten. Ihre Skulpturen sind in weiten Teilen aus Schichtungen von Papieren entstanden oder in Ton geformt. Darüber hinaus finden sich Fundstücke aus der Natur in den Arbeiten, wie Hölzer und Zapfen. Daraus entstehen satyrähnliche Figuren und pinocchioeske Gesichter. Die legendäre Figur aus der italienischen Literatur ersteht durch ein Naturfundstück, das die Künstlerin bei ihrem Aufenthalt im toskanischen Balbano gefunden hat. Und nicht nur hieran wird deutlich,dass Luft natürlich nur ein Element ist, das die Künstlerin inspiriert. Vor allem auch Feuer und Erde spielen bei ihr eine entscheidende Rolle.

Der Kurator Harald Szeemann hat schon in den 1970er Jahren von individuellen Mythologien gesprochen in Hinblick auf Künstler, die ihre eigene Weltsicht entwickeln. In den individuellen Mythen der Künstlerin Saskia Niehaus scheinen die archetypischen Bilder von Zuständen des menschlichen Seins auf, die sie in ihrer ganz eigenen und erkennbaren Ästhetik zu einem großen Ganzen verbinden. Über Jahre entwickelt und verfestigt sie ihre Arbeitsweise, als Künstlerin, die ihresgleichen sucht. Dabei lässt sie sich nicht beirren durch Zeitströmungen und Trends, sondern schafft ihr kreatürliches Universum in zeichnerisch und bildhauerisch beeindruckender Brillianz.

Ich wünsche Ihnen nun sehr viel Freude beim Erkunden hier in der Ausstellungshalle und oben im Atelier der Künstlerin. Die Künstlerin ist anwesend und steht ihnen gerne für Fragen und Diskussionen zur Verfügung.

Dr. Katja Lambert
Rede am 29.4.2018
Atelierhaus Alteburger Wall, Köln